Mit einer kleinen Vorwärtsbewegung der linken Hand wird der Befehlsgeber leicht nach vorne gedrückt – und 37 Tonnen Stahl setzten sich in Bewegung. In den Kurven ist das Gewicht des Fahrzeugs deutlich zu spüren und das Quietschen der Räder hallt in den Ohren wider. Der Straßenbahnwagen gleitet über die Schienen und fast wirkt es, als könnte ihn nichts mehr stoppen. Doch wird der Befehlgeber wieder ein wenig zurückgezogen, kommt die Bahn langsam und sicher zum Stillstand.
Diese Eindrücke erlebt ein Fahrschüler, der sich dafür entschieden hat, eine Ausbildung als Schienenbahnfahrer bei der Betriebsfahrschule der VGF zu beginnen. Diese befindet sich im Betriebshof Gutleut, in der Nähe des Frankfurter Hauptbahnhofs, und ist fast so alt wie das Frankfurter Verkehrsunternehmen. Alle zurzeit beschäftigten 575 Fahrerinnen und Fahrer wurden in den vergangenen Jahrzehnten hier ausgebildet.
Neun Wochen Ausbildung
Und es wird weiter ausgebildet: Im Dezember diesen Jahres gehen die neuen U-Bahn-Linien in Betrieb. Ende nächsten Jahres folgt die Straßenbahn-Linie 18. Damit auf den neuen Linien auch Bahnen fahren können, sucht die VGF dringend Fahrer.
Hat sich ein „Neuling“ für die VGF entschieden, muss er bestimmte Vorraussetzungen erfüllen: ein Mindestalter von 21 Jahren, einen Führerschein der Klasse B und körperliche Gesundheit.
Die Ausbildung zum Straßenbahnfahrer dauert insgesamt neun Wochen. Jeden morgen um 6 Uhr 30 startet der ca. dreistündige Theorieunterricht. Nach einer kurzen Frühstückspause geht es um 10 Uhr weiter mit der Praxis. In einer Gruppe befinden sich fünf bis sechs Fahrschüler, die in der gesamten Ausbildungszeit von einem Ausbilder betreut werden. Bestandteile des Theorieunterrichts sind Signale, Vorschriften und Verhaltensweisen bei besonderen oder ungewöhnlichen Vorkommnissen, die Strecken- und Fahrzeugtechnik sowie die Kundeninformation.
Nach sechs Wochen Theorieunterricht stehen zwölf Tage Praxis mit einem Lehrfahrer auf dem Programm. Anders als bisher kommt der Fahrschüler erstmals mit Fahrgästen in Kontakt. Der Lehrfahrer ist ein normaler Schienenbahnfahrer, der eine spezielle Zusatzausbildung hat, um den Fahrschüler in den Alltag auf Schienen gut einführen zu können. Anschließend kehren die Fahrschüler noch mal für zwei Tage in den theoretischen Unterricht zurück. Dort werden alle Themen aufgefrischt, damit die Schüler fit für die Abschlussprüfung sind. Diese besteht aus drei Teilen: der schriftlichen Prüfung, die seit diesem Jahr an einem Computer stattfindet, der mündlichen und als letztes der praktischen Prüfung. Abgenommen werden alle drei Teile vom Fahrschulleiter und einem Ausbilder, der den Prüfling bisher noch nicht in der Ausbildung hatte.
Ist die Prüfung zum Straßenbahnfahrer erst einmal bestanden, ist der Fahrer auf allen Straßenbahn-Linien in Frankfurt einsetzbar. Entscheidet er sich anschließend, sich weiter zum U-Bahnfahrer ausbilden zu lassen, muss er zuvor mindestens ein halbes Jahr als Straßenbahnfahrer tätig gewesen sein. Die Ausbildung für die U-Bahn endet ebenfalls mit einer Abschlussprüfung.
Hohe Lernintensität
Patrick Keil, seit 2006 Ausbilder für Schienenbahnfahrer im Betriebshof Gutleut, hat zurzeit eine kleine Gruppe von zwei Mann im theoretischen Unterricht. Er erarbeitet den Stoff mit seinen Schülern, indem er durch Fragen prüft, ob sie das Gelernte behalten haben oder gibt mit kurzen Erklärungen Hilfestellungen, so dass die Schüler oft selbst auf die gefragte Antwort kommen. Im Laufe der sechs Wochen werden in regelmäßigen Abständen immer wieder Leistungsnachweise geschrieben. So kann Keil sich einen guten Überblick über den bisherigen Wissensstand seiner Schüler verschaffen. Wenn nach drei Stunden Theorie und vier Stunden Praxis die Schüler nach Hause gehen, ist das Lernen lange noch nicht vorbei: Was genau heißt Gleichstrom in Drehstrom umwandeln? Oder wieso kann der Motor einer Bahn nur mit Drehstrom angetrieben werden? Das sind Fragen, die die Auszubildenden zu Hause nacharbeiten müssen.
Die Lernintensität ist dann auch einer der Gründe, weshalb nur 80% der Auszubildenden am Schluss zur Prüfung antreten. Die anderen 20% beenden die Ausbildung vor der ersten Prüfung. Ein weiterer Grund für den Abbruch ist die Einschätzung der Ausbilder: Merken sie, dass einem Schüler für den vermittelten Unterrichtsstoff das nötige Verständnis fehlt oder in der Praxis Mängel an der Fahrweise auftreten, die sich auch mit Fortschreiten der Ausbildung nicht ändern, muss die Schulung abgebrochen werden.
„Die wird schon bremsen“
Im Lauf der Ausbildung kommt für jeden Fahrschüler der Moment, in dem er zum ersten Mal im Führerstand einer Straßenbahn sitzt und mit vielen neuen Eindrücken zurechtkommen muss. Direkt vor dem Fahrer befindet sich ein Pult mit vielen verschiedenen und farbigen Knöpfen. Da sind zwei für den Blinker „rechts“ und „links“ und anderer für Türen, Scheibenwischer, Signaltöne, Weichen. Sich sofort zu merken, wo welcher Knopf liegt, ist gar nicht so einfach. Mit dem linken Fuß muss der Fahrer außerdem die ganze Zeit ein Pedal drücken. Lässt er los, erklingt ein lauter Signalton und nach weitern zwei Sekunden beginnt die Bahn, von selbst zu bremsen. So wird eine Straßenbahn, falls ein Fahrer bewusstlos werden sollte, nicht zur Geisterbahn.
Abgelenkt durch die vielen neuen Eindrücke kann ein Fahrschüler schon mal ein Signal übersehen: „Halt! Bremsen! Das Signal zeigt, ‚Stopp’“, ruft Ausbilder Keil, der mit einem Notschalter sofort die Gefahrenbremsung einleitet. Die Bahn beginnt augenblicklich zu bremsen. Nur für Sekunden war der Blick des Schülers von der Straße abgewichen, um auf dem Armaturenbrett nach dem Blinker zu suchen, da war die Bahn auch schon um die Kurve gebogen, hinter der sich das Signal befand, das er fast überfahren hätte.
Gefahr droht auch von anderen Verkehrsteilnehmern: Allgemein schätzen viele Fußgänger und Autofahrer die Geschwindigkeit einer 37 Tonnen und 27,6 Meter langen Straßenbahn falsch ein. So sprinten Fußgänger noch eben schnell über rot oder Autofahrer biegen unerlaubt links ab, weil sie denken: „Die ist ja noch weit genug weg“ oder „Die wird schon bremsen, wenn es eng wird“. Deshalb gilt für den Schienenbahnfahrer besondere Vorsicht. „Vorrausschauendes Fahren ist in diesem Beruf besonders wichtig“, weiß Patrick Keil, der selbst seit 1992 als Schienenbahnfahrer in Frankfurt am Main unterwegs ist. Sieht ein Fahrer beispielsweise in weiter Entfernung ein Auto ausparken oder einen Radfahrer rechts neben dem Gleis, heißt es sofort bremsbereit zu sein, denn der Pkw könnte rangieren oder der Radfahrer links über die Schienen abbiegen.
Kollisionen mit einer Tram nehmen schnell ein böses Ende, Blechschäden sind da noch glimpflich. Wer den 37-Tonnen-Koloß einmal selbst bewegt hat, seine Reaktion auf das Umlegen des Befehlsgebers spürt, die Beschleunigung genau wie die Verzögerung, der sieht eine Straßenbahn im dichten Großstadtverkehr mit anderen Augen. Und mit Respekt vor der Arbeit der jederzeit konzentrierten Fahrer, die gewöhnlich als selbstverständlich hingenommen und deren jederzeitige Fehlerlosigkeit schlicht vorausgesetzt wird: Sie werden schon bremsen...
Interessenten für eine Ausbildung zum Schienenbahnfahrer können sich bei der Personalabteilung der VGF
Peter Steigerwald
Tel.: 069 213 22492
E-Mail:
p.steigerwald(at)vgf-ffm.de
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