03.02.2017

Der langsamste Schnellzug der Welt

40 Jahre Ebbelwei-Expreß.

Trau’ keinem über 30. Oder doch? Beim Ebbelwei-Expreß der VGF haben schon viele eine Ausnahme gemacht und sind eingestiegen, sonst würde Frankfurts Traditions-Tram am kommenden Sonntag nicht ihren 40. Geburtstag feiern.  

Ebbelwei-Expreß. Der Name steht im eigentümlichen Gegensatz zur Fortbewegung des Gefährts, denn Tempo und Dynamik sind gerade nicht die Sache des Veteranen. Im Gegenteil: Seit 5. Februar 1977 empfängt der Ebbel-Ex Menschen aus aller Welt in seinem rustikalen Ambiente und schaukelt sie eher gemütlich als rasant mit „Stöffche”, Brezeln und Musik durch die Stadt. Für Touristen aus Nordamerika oder Fernost gehört eine Fahrt mit der Bahn zum Pflichtprogramm ihres Frankfurt-Besuchs, der Oldtimer ist entsprechend oft auch in Reisesendungen ausländischer Fernsehanstalten oder Bordfilmen der Frankfurt anfliegenden Airlines zu sehen – was ihn zu einem veritablen internationalen Werbeträger der Stadt und ihres Verkehrsunternehmens macht. Oft diente die Nostalgie-Bahn als Filmkulisse für Fernsehsender: Die ARD etwa drehte 2001 den Spielfilm „Durch Dick und Dünn”, wobei einige Szenen im Ebbelwei-Expreß spielten. Auch Verbrechen wurden und werden in der alten Straßenbahn verübt – spielerisch versteht sich, als Ratespiel des Veranstalters „City Games”, der seit 2004 von Fahrgästen den „Mord im Ebbel-Ex” aufklären ließ. Vom ersten Tag an ist neben dem Linienverkehr die Anmietung des Veteranen für Partys, Geburtstagsfeiern, Betriebs- und Vereinsausflüge bei den Kunden der VGF beliebt. 

Die 1954 ursprünglich als Typ “K” in Dienst gestellten Straßenbahnen, die mit Umwandlung in den Ebbel-Ex der Verschrottung entgingen, wurden Mitte der achtziger Jahre erstmals komplett überholt und für weitere Stadtrundfahrten fit gemacht. Eine erneute Revision war in den vergangenen Jahren notwendig. Heute sind vier Triebwagen – die Fahrzeuge Nummer 105, 106, 107 und 108 – sowie sechs Anhänger in Betrieb, wobei eine Garnitur gerade aufgearbeitet wird und nicht fährt. Alle Fahrzeuge haben ein identisches Aussehen und sind für das ungeübte Auge nur an den Wagennummern zu unterscheiden.  

Sein originelle Gestaltung dürfte ein Grund dafür sein, daß der Ebbel-Ex, wie die Frankfurter ihn schnell und abkürzend tauften, sofort als ein rollendes Wahrzeichen der Stadt wahrgenommen wurde: auf rotem Grund finden sich Frankfurter Ikonen – vom Bembel bis zum Römer, von Frau Rauscher bis zum Zoo und dem Eisernen Steg. Nicht vergessen wurde natürlich Johann Wolfgang von Goethe. So vermittelt der Ebbel-Ex seit 40 Jahren einen Hauch Weltstadt, ergänzt um die liebenswert kleinteiligen Zeugnisse gelebter Tradition. 

Volksfeststimmung zur Jungfernfahrt 

Der ersten Linienfahrt – Startpunkt war der damals noch voll genutzte Betriebshof Eckenheim – war ein Beschluß der Stadtverordneten-Versammlung voraus gegangen. Die Oldtimer-Linie, als Vorbild wurde das Cable Car in San Francisco genannt, sollte es Einheimischen und Touristen leicht machen, Frankfurt und seine Sehenswürdigkeiten in einer „fahrenden Apfelweinkneipe“ zu entdecken.  

Den Auftrag für Konzeption und Betrieb erhielten die Stadtwerke, die sich im Januar 1977 an das Künstlerpaar CM und Estine Estenfelder zwecks Außen- und Innengestaltung wendeten. Einen knappen Monat lang arbeiteten die Estenfelders Tag und Nacht an Entwürfen, Vorlagen, schwarz/weiß Zeichnungen, bis zur endgültigen Motivfestlegung und Farbgebung der Straßenbahn. In Zusammenarbeit mit Schildermaler Rückert wurden die maßstabsgetreuen Pausen für die Übertragung der Motive auf die Bahn angefertigt und die zu verwendenden Farbtöne festgelegt. Danach erfolgte die Gestaltung der alten Bahnen im damaligen Depot Bornheim. Auch den Innenraum des Wagens mit den verspielten Wölkchen auf der blauen Fahrzeug-Decke gestalteten die beiden Künstler. Schnell war der passende Name gefunden: „Ebbelwei-Expreß“. Um seine besondere Stadtrundfahrt aufnehmen zu können, fehlten nur noch ein paar Utensilien wie Faltblatt, Routenplan und natürlich ein eigener Fahrschein – für die Stadtwerke keine Herausforderung. 

Was dann Anfang Februar 1977 folgte, glich einem Volksfest. Der „Stadtwerker“, die damalige Unternehmenszeitung, vermerkte in der März-Ausgabe: „Mit Spannung wurde der 5. Februar erwartet. Dann stand er da, um elf Uhr, bei diesigem Wetter: der bunte Ebbelwei-Expreß. Eine Stimmungskapelle sorgte für Bembelmusik, Kondukteure und Stadtwerke-Hostessen arrangierten das ‚Stöffche’ und die Brezeln. Die Schlange der Wartenden wurde immer größer. Es war ein langer Samstag. Schließlich gab der erste Betriebsleiter der Stadtwerke, Stadtrat Hans-Joachim Krull, nach einleitenden Worten das Startzeichen. Oberbürgermeister Arndt taufte den Ebbelwei-Expreß in Anwesenheit der Stadtverordneten-Vorsteherin Florinde Balser mit einem kräftigen Schuß Ebbelwei. Er sagte dazu, der Ebbelwei-Expreß sei zu verstehen, als ‚ein Symbol für die andere Seite des von Banken und Hochhäusern geprägten Frankfurt’, als ein Zeugnis für echt und harmonisch gewachsene Bodenständigkeit. Applaus von den zahlreich erschienenen Vertretern der Kommunalpolitik. Begeisterung bei den Frankfurtern, die an der Taufe teilnahmen.“ 

Und diese drückte sich auch sofort in Fahrgastzahlen aus: Am Wochenende der Taufe fuhren 1.060 Passagiere mit, am Wochenende darauf schon 1.560. Bei damals 44 Sitzplätzen pro Zug in Motorwagen und Anhänger und bei elf Fahrten pro Wochenende eine veritable Überbelegung. Seit 1999 hat sich die Zahl der Fahrgäste im Linienverkehr kontinuierlich von knapp 17.000 jährlich auf mehr als 31.000 fast verdoppelt. Schon die Anfänge waren also verheißungsvoll, auch wenn sie nicht unbedingt auf eine 40 Jahre dauernde Erfolgsgeschichte schließen ließen. Dazu nochmals der „Stadtwerker“ in bildhafter Beschreibung: „Überall, wo er unter Bimmeln und mit lauter Bembelmusik auftauchte, strahlten die samstäglichen Regenwetterminen der Passanten schlagartig.“ 

Schaffnerin anfassen verboten! 

Dank der 40 Betriebsjahre ranken sich nicht wenige Geschichten um den Ebbel-Ex. So zum Beispiel das Gespräch zwischen Manfred Michel, 1977 Chef der Europa-Versicherung, und dem damaligen Eintracht-Coach Lorant. Michel, einer der Begeisterten der ersten Stunde, meinte auf einer für Geschäftsfreunde organisierten Fahrt zu Lorant, man könne die Eintracht doch künftig Ebbelwei-Expreß nennen. Darauf der Trainer: „Geht nicht. Ich habe Jungs in der Truppe, die nur Champagner vertragen.“ 

Was den Kickern entging, war der von der Frankfurter Apfelweinkelterei Possmann für den Expreß in eigene Flaschen abgefüllte und besonders etikettierte Apfelwein und Apfelsaft. Die Fläschchen stehen noch heute „hochseesicher“ auf den Fenstertischen in runden, tiefen Löchern. Natürlich durften dazu Brezeln nicht fehlen und so wurden die Stadtwerke 1977 mit den in der „Zwiebackstadt” Friedrichsdorf ansässigen Brezelbäckern der Firma Pauly handelseinig. Inzwischen beliefert die Firma Huober-Brezel (sic!) aus Erdmannshausen die VGF mit dem salzigen Gebäck. Auch akustisch hat der Ebbel-Ex Spuren hinterlassen – nein, nicht mit charakteristischem Quietschen in engen Kurven: Es ist vielmehr Ossi Trogger, einem Chorsänger der Oper Frankfurt, zu verdanken, daß ein eigenes Lied „In unserem Ebbelwei-Expreß” komponiert und bei jeder Fahrt abgespielt wurde. Der inzwischen verstorbene singende Töpfermeister Helmut Maurer steuerte dem Repertoire außerdem viele seiner Frankfurter Lieder von „Ebbelwei und Handkäs” bei.  

Im Jahr 1997 konnte die inzwischen gegründete Verkehrsgesellschaft Ebbel-Ex-Fahrgast Nr. 1.000.000 begrüßen, bis heute sind es mehr als 1,5 Millionen Mitfahrer, wobei die meisten den Linienbetrieb der Züge nutzten. Die treueste Stammkundin war in den 80er-Jahren die Frankfurterin Else Scheuing: Sie stieg mehr als 2.000-mal in den Oldtimer ein. Frau Scheuing hielt sich dabei streng an die eigens im Ebbel-Ex geltenden Beförderungsbedingen, in denen es unter anderem unmissverständlich heißt: „Verboten ist, die Schaffnerin anzufassen.“ 

Seit 2001 geht’s rund 

In den Anfängen des Ebbel-Ex führte die für Erwachsene zwei Mark teure Fahrt über Zoo, Konstablerwache, Zeil, Hauptwache, Opernplatz, Platz der Republik, Hauptbahnhof, Theaterplatz (sic!), Frankensteiner Platz, Lokal- und Südbahnhof zurück zum Theaterplatz und via Haupt- und Konstablerwache wieder zum Zoo. Verschiedene Strecken-Stilllegungen machten immer wieder Veränderungen der Routen notwendig, zwischen Konstabler- und Hauptwache etwa liegen schließlich schon lange keine Schienen mehr in der Zeil.  

Erstmals rund ging es für den Oldtimer am 31. März 2001: Der erste Rundkurs führte von Bornheim vorbei an der Konstablerwache und durch die Altstadt. Er durchquerte anschließend das Bahnhofsviertel, fuhr über Sachsenhausen und am Zoo vorbei, ehe er wieder das „lustige Dorf” Bornheim, den Ausgangspunkt der Fahrt, ansteuerte. Den jetzigen Rundkurs von der Zoo-Schleife über Allerheiligentor, Römer / Paulskirche, Willy-Brandt-Platz, Hauptbahnhof, Festhalle / Messe, Hauptbahnhof, Baseler Platz, Stresemannallee / Gartenstraße, Schweizer Platz, Süd- und Lokalbahnhof zurück zum Zoo befährt der Ebbel-Ex seit Dezember 2002. Inklusive der Start- und Zielstation Zoo stehen den Fahrgästen auf dieser Strecke 29 Haltestellen für Ein- und Ausstieg zur Verfügung; fast alle Sehenswürdigkeiten der Stadt klappert der Oldtimer damit ab – und erfüllt so noch immer den Wunsch, der seiner Einführung vor 40 Jahren zu Grunde lag. Die Züge fahren samstags, sonntags und feiertags ab Zoo im 35-Minuten-Takt, erste Abfahrt ist um 13 Uhr 30, die letzte Fahrt ab Zoo um 18 Uhr 35 endet an der Südseite des Hauptbahnhofs, von wo die Bahnen in ihr Depot in Gutleut einrücken. 

Seit 1977 haben die Züge auf den verschiedenen Routen mehr als 1,7 Millionen Kilometer zurückgelegt. Die gut einstündige Fahrt wird auch heute noch von einem Schaffner – Achtung: nicht anfassen! – begleitet, der die Fahrkarten verkauft. In den Preisen von 8 € für Erwachsene und 3,50 € für Kinder bis 14 Jahre ist eine Flasche Apfelwein, -saft oder Mineralwasser sowie eine Tüte besagten Salzgebäcks enthalten.

Verkehrt der Ebbelwei-Expreß an Samstagen, Sonntagen und Feiertagen im Linienverkehr, kann er während der Woche auch gemietet werden: Bei Geburtstagen, Hochzeiten, Betriebsfesten oder anderen Feierlichkeiten stellen die Kunden die Fahrtroute nach ihren Wünschen zusammen. Sie können sich selbst verpflegen oder einen Stadtführer mieten. Grenzen setzt der rollenden Feier nur das Schienennetz der VGF und die Kapazität, die in den 10,5 Meter langen, 2,16 Meter breiten und von zwei Motoren zu je 81,6 PS (60 kW) angetriebenen Motor-Fahrzeugen bei 30 Fahrgästen liegt –  wovon sich 22 über Sitzplätze freuen können. Wenn möglich kommt die VGF sonst gerne jedem Kundenwunsch nach. 

„Hessische Tour“ 

Seit Mai 2011 bietet die VGF einen Audio-Podcast an, in dem Fahrgäste in deutscher und englischer Sprache viel zu den wichtigen Attraktionen entlang der Strecke erfahren können – für ganz große Fans auch auf original hessisch. Die mundartliche Tour-Beschreibung spricht ein Sänger der ehemaligen Band „U-Bahnkontrollöre in tiefgefrorenen Frauenkleidern“, Oliver Hartstack. Anhören kann man sich den kleinen Fremdenführer inklusive einer virtuellen Rundfahrt unter

 

www.vgf-ffm.de/service/Stadtrundfahrt-mit-dem-Ebbelwei-Express

 

oder auf der Ebbelwei-Expreß-Seite

www.ebbelwei-express.de

 

Mit ihr ist die alte Trambahn seit Ende 2005 auch im Web präsent, auch diese Seite wurde inzwischen "aufgehübscht" . Natürlich kann der Podcast, der mit jedem gängigen MP3-Player abspielbar ist, auch abonniert werden.  

Auf weitere 40 Jahre? 

Warum nicht? Die Bahn ist inzwischen ein rollendes Wahrzeichen der Stadt und nicht mehr wegzudenken. Die aufwendige Sanierung der Fahrzeuge in den vergangenen Jahren macht ihn außerdem fit für weitere Einsätze. Das nächste Jubiläum kann also kommen.  

 

Pressekontakt:
Bernd Conrads
VGF-Unternehmenskommunikation
Tel.: 069 213 27495
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